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  • Rezension - J. M. Coetzee: Die Kindheit Jesu

    J. M. Coetzee: Die Kindheit Jesu
    S. Fischer 2013. 352 Seiten
    ISBN-13: 978-3100108258. 21,99€
    Originaltitel: The Childhood of Jesus
    Übersetzerin: Reinhild Böhnke

    Coetzee

    Verlagstext
    J. M. Coetzees großer Roman ›Die Kindheit Jesu‹ ist ein Meteor voller Intensität, Überraschung und Schönheit. Emigration, Einsamkeit, das Rätsel einer Ankunft: In einem fremden Land finden sich ein Mann und ein Junge wieder, wo sie ohne Erinnerung ihr Leben neu erfinden müssen. Sie müssen nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern auch dem Jungen eine Mutter suchen. - In einem dunklen Glas spiegelt J. M. Coetzee unsere Welt, so dass sich alles Nebensächliche unseres Umgangs verliert und die elementarsten Gesten sichtbar werden.

    Der Autor
    J. M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für ›Leben und Zeit des Michael K.‹ und 1999 für ›Schande‹. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.

    Inhalt
    Als Flüchtling erreicht Simón nach einer Schiffsreise ein fiktives, spanischsprachiges Land. In seinen neuen Wohnort Novilla bringt er aus dem Flüchtlingslager den elternlosen Jungen David mit, für den er sich nun verantwortlich fühlt. David trägt Stiefel, einen Wollmantel und Wollsocken und erzeugt damit bei mir Bilder Jahrzehnte zurückliegender Menschentransporte in Europa. Die Verwaltung von Novilla ist auf die eintreffenden Flüchtlinge vorbereitet, überlässt jedoch die Neuankömmlinge auf der Suche nach Unterkunft und Nahrung weitgehend sich selbst. Die Aufnahme der neuen Bewohner wirkt wie ein Schildbürgerstreich, wenn z. B. ein Zimmer zugeteilt wird, zu dem angeblich der Schlüssel verschwunden ist. Die Bewohner von Novilla lassen die Dinge auf sich zukommen und ergreifen selbst kaum Initiative. Alle Zuwanderer leben mit einer neuen Identität und ohne Vergangenheit. Alteingesessene vermitteln sogar den Eindruck, sie hätten körperliche Empfindungen wie Hunger längst hinter sich gelassen. Für überflüssige Dinge und nutzlose Sehnsüchte werden keine Wörter gebraucht, woraus für Simón trotz seiner guten Sprachkenntnisse Verständigungsprobleme entstehen. Trotz der sinnlos-schikanösen Verwaltungsroutine findet Simón Arbeit als Schauermann im Hafen, bekommt eine Wohnung zugewiesen und beschafft für David und sich 'Brot und Wasser'. Simón verfolgt die fixe Idee, für David eine Mutter suchen zu müssen; denn jedes Kind braucht seiner Meinung nach eine Mutter. Eine alternative Betreuungsmöglichkeit für den noch nicht schulpflichtigen David kommt Simón nicht in den Sinn. Inés, eine Zufallsbegegnung, wird von Simón zu Davids Mutter erklärt; sich selbst sieht Simón erst an zweiter Stelle in Davids Leben in einer Rolle als Pate. Simón hat bisher alles aufgegeben, seine Heimat, seine Muttersprache; David loszulassen fällt ihm erheblich schwerer. In die Empfindungen eines elternlosen Fünfjährigen auf der Flucht kann Simón sich nicht versetzen und laviert die Pate-Kind-Beziehung in Richtung Scheitern. David entwickelt sich unter Inés' Einfluss anders als Simón sich das für einen Jungen vorgestellt hat. Auf Davids für sein Alter nicht ungewöhnliche üppige Phantasie und seine kindlichen Allmachtsvorstellungen reagiert Simón autoritär und unflexibel. Er will den Jungen in kürzester Zeit möglichst viel lehren, ohne Rücksicht darauf, ob David für den Wertekanon aus Erwachsenenperspektive überhaupt bereit ist. Kurz nach Davids Einschulung kommt es zu Problemen in der Schule, weil er sich nicht in die Klasse einfügen will. Davids ungewöhnliche Pflegeeltern erleben zu ihrem Erstaunen, dass der in vielen Bereichen lässig wirkende Staat eine sehr effektive Schulbürokratie unterhält.

    Fazit
    Anders als von Coetzee evtl. beabsichtigt habe ich das Buch nicht als religiöse Parabel gelesen, sondern als utopische Fortschreibung der aktuellen politischen Lage mit ihren Flüchtlingsströmen. J. M. Coetzee hat ein fiktives Land mit sozialistischen Ansätzen erdacht, das jedem seiner Bürger einen bescheidenen Lebensstandard gewährt und kaum Leistungsanforderungen stellt. Simón ist im Hafen offenbar der erste Arbeiter, der über Sinn und Produktivität der Abläufe nachdenkt. In Coetzees schöner neuer Einheitswelt sprechen die Figuren zwar von Emotionen, ihre Gefühle sind für mich jedoch selten nachzuempfinden. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Figur, die ihre Vergangenheit und ihre Muttersprache zurückgelassen hat und die zentrale Beziehung zu einem Flüchtlingskind einem starren Idealbild opfert. Simóns beharrliche Suche nach einer Mutter für David wirkt allein durch behauptete - nicht durch gezeigte - Emotionen, seine Idealisierung der Mutterfigur befremdet mich. Coetzees nur knapp skizziertes Szenario muss vom Leser in dessen Phantasie erst zu einem Bild vervollständigt werden. Wer noch unvollständig wirkende "Landkarten" wie diese gern selbst weiterdenkt, findet in "Die Kindheit Jesu" ausreichend Gelegenheit dazu.

  • Rezension - Andrew Solomon: Weit vom Stamm. Wenn Kinder ganz anders als ihre Eltern sind

    Andrew Solomon: Weit vom Stamm. Wenn Kinder ganz anders als ihre Eltern sind
    S. FISCHER 2013. 1104 Seiten
    ISBN-13: 978-3100704115. 34€
    Originaltitel: Far From The Tree

    Solomon

    Verlagstext
    Wie geht man damit um, wenn die eigenen Kinder ganz anders sind als man selbst, was bedeutet das für sie und ihre Familien? Und wie akzeptieren wir und unsere Gesellschaft außergewöhnliche Menschen?
    Ein eindrucksvolles Buch über das Elternsein, über die Kraft der Liebe, aber auch darüber, was unsere Identität ausmacht. Der Bestsellerautor Andrew Solomon hat mit über 300 Familien gesprochen, deren Kinder außergewöhnlich oder hochbegabt sind, die am Down-Syndrom oder an Schizophrenie leiden, Autisten, taub oder kleinwüchsig sind. Ihre Geschichten sind einzigartig, doch ihre Erfahrungen des „Andersseins“ sind universell. Ihr Mut, ihre Lebensfreude und ihr Glück konfrontieren uns mit uns selbst und lassen niemanden unberührt.

    Der Autor
    Andrew Solomon hat in Yale und Cambridge studiert. Unter anderem schreibt er für den New Yorker, Newsweek und den Guardian. Er ist Dozent für Psychiatrie an der Cornell University und beratend für LGBT Affairs am Lehrstuhl für Psychiatrie der Yale University tätig. Sein großes Buch über Depression ›Saturns Schatten‹ war ein internationaler Bestseller und wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem National Book Award und der Nominierung für den Pulitzer Preis. Er lebt mit seinem Mann und seinem Sohn in New York und London. Für ›Weit vom Stamm‹ erhielt er den National Book Critics Circle Award 2013.

    Inhalt
    Auslöser für Andrew Solomon, sein Buch über zwölf Behinderungen oder Abweichungen von der Norm zu verfassen, war ein Auftrag, für das New York Times Magazine über Gehörlosigkeit zu schreiben. Andrew Solomon recherchierte für sein Buch u. a. aus der Erkenntnis heraus, dass moderne Gesellschaften sich vor Andersartigkeit fürchten. Noch immer flüchten sich Außenstehende in Schuldzuschreibung gegenüber den betroffenen Eltern, selbst wenn eine Abweichung genetisch bedingt ist oder schicksalhaft durch eine Krankheit verursacht wurde. Solomon hat eine Fülle von Äußerungen Betroffener zusammengetragen (die er auf über 60 Seiten Anmerkungen dokumentiert) und eine gewaltige Menge von Sachinformationen; allein die Bibliographie umfasst 100 Seiten. In zwölf Kapiteln stellt der Autor die Schicksale gehörloser oder kleinwüchsiger Kinder vor, er besuchte und interviewte Familien, deren Kinder vom Down Syndrom, Autismus, Schizophrenie, schwerster Mehrfachbehinderung, Hochintelligenz, Transsexualität, Kriminalität betroffen sind oder deren Kind nach einer Vergewaltigung zur Welt kam. "Es ist schwieriger, die Eltern eines Behinderten zu sein als der Behinderte selbst," stellt der Autor bei seiner Recherche fest. Die Eltern begabter junger Musiker verdeutlichen schließlich, welche Gemeinsamkeit alle Schicksale verbindet - es ist der Zwang, das gesamte Familienleben nach den Bedürfnissen eines oder mehrerer besonderer Kinder auszurichten. Im Fall Schwerstbehinderter kann dieser Zwang dazu führen, dass die überlasteten Eltern aus Überforderung ihr Kind und sich töten.

    Solomon hat selbst vielfältige Erfahrungen mit dem Anderssein als Sohn einer Mutter, die lernte, ihren jüdischen Glauben zu verbergen, als Homosexueller, als Vater eines durch Eizellspende gezeugten und von einer Leihmutter ausgetragenen Sohnes und als Legastheniker, dessen Leseprobleme von seiner Mutter tatkräftig therapiert wurden, während sie ihm den Wunsch nach einem pinken Luftballon abschlug. Solomon erfährt sich schon früh als Angehöriger einer Subkultur.

    Anhand der Situation Gehörloser erläutert der amerikanische Psychiater die Situation von Eltern, die schon sehr früh für ihr behindertes Kind weitreichende Entscheidungen treffen müssen, die die Gesundheit und den weiteren Lebenslauf entscheidend beeinflussen werden. Im Falle gehörloser Kinder war das lange eine Entscheidung gegen die Gebärdensprache und für eine - für das Kind anstrengende und meist erfolglose - Sprachtherapie. Inzwischen ist es die Entscheidung für oder gegen ein Cochlea-Implantat. Am Beispiel der Gehörlosen wird hier die Selbstwahrnehmung Behinderter als Subkultur oder eigene Ethnie deutlich. Die Gruppe kann sich in ihrer Identität geschwächt fühlen, wenn weniger Menschen mit dieser Behinderung zur Welt kommen (durch Eindämmung der dafür ursächlichen Krankheit) oder durch die Möglichkeit per pränataler Diagnostik oder Präimplantationsdiagnostik genetisch bedingte Behinderungen auszuschließen. Gehörlose Eltern haben diese Möglichkeiten bereits genutzt, um gezielt ein nicht hörendes Kind zu bekommen, das so ist wie sie selbst.

    Fazit
    Übersetzungen von Büchern amerikanischer Autoren über die Lebenswelt Behinderter müssen mit Abstrichen gelesen und beurteilt werden. Das US-Bildungs- und Gesundheitssystem unterscheidet sich erheblich von dem anderer Länder, so dass viele der geschilderten Erfahrungen nicht übertragbar sind. Solomons zwölf Kapitel vom Anderssein fallen deshalb für deutsche Leser höchst unterschiedlich aus. Von grundlegenden behindertenpolitischen Überlegungen zum Thema Inklusion, über historische Gegebenheiten der 60er und 70er Jahre, der Begegnung mit den Eltern eines der Colombine-Amokläufer, Anekdoten von musikalischen Wunderkindern bis zu seinen faktenreichen Kapiteln über Schizophrenie und schwere Formen des Autismus. Zwölf Kapitel, beim Lesen herausfordernd wie zwölf einzelne Bücher.

  • Rezension - Alice Munro: Kleine Aussichten. Ein Roman von Mädchen und Frauen

    Alice Munro: Kleine Aussichten. Ein Roman von Mädchen und Frauen
    Berlin Verlag Taschenbuch 2005. 384 Seiten
    ISBN-13: 978-3833300240
    Originaltitel: Lives of Girls and Women
    Übersetzerin: Hildegard Petry
    auch: dtv 1988. ISBN 3423109165 (entspricht der Ausgabe von Klett Cotta. ISBN 978-3608950137)

    Munro

    Verlagstext
    Del Jordan wächst in einer ereignislosen Stadt in Kanada auf. Ziemlich früh muss sie feststellen, dass sie mit ihren Freundinnen nicht viel gemeinsam hat die nur ein Ziel haben: zu heiraten. Schließlich verlässt Del die muffige Kleinstadt und zieht in die Welt hinaus. Dass auch dieser Weg mit Illusionen verbunden ist, wird ihr erst später bewusst.

    Inhalt
    Del Jordan, die Icherzählerin im einzigen Roman Alice Munros, wächst außerhalb der Stadt Jubilee/Ontario auf einer Farm auf. Eine unbefestigte Straße, der nächste Laden und zwei geisteskranke Bewohner markieren den Heimatort von Del und ihrem Bruder Owen. Dels Vater züchtet auf seiner Farm Füchse, die Familie lebt vom Verkauf der Felle. Die Kinder vergnügen sich beim Angeln mit Onkel Benny, dem Arbeiter des Vaters, und saugen begierig die üblichen Familiengeschichten auf. Del wächst mit dem Vorbild ihres genügsamen und fleißigen Vaters auf. Besonders Mädchen wird Bescheidenheit gepredigt. Mädchen sollen nicht "überspannt" sein und besonders Frauen müssen auf Geld, Ruhm, eine Berufsausbildung oder die Fahrerlaubnis verzichten können. Dels Mutter erfüllt ihre Pflichten auf der Farm, bis sie durch ihren Umzug nach "Jubilee-City" mit den Kindern aus dem provinziellen Trott ausbricht und fortan vom Verkauf von Enzyklopädien lebt. Mutter und Tochter verbindet der Hunger nach Wissen. Der Vater betreibt weiter seine Fuchszucht. Die Entdeckung, dass es außer dem jüngeren Bruder noch andere Jungen gibt, läutet - unter den strengen Blicken der Dorfbewohner - Dels Erwachsenwerden ein. Ihr Drang, den für ein Mädchen in der Provinz vorgezeichneten Weg zu verlassen, ist nicht mehr zu bremsen. Dels Mutter mit ihren ungewöhnlichen Ideen ist daran nicht unschuldig. Sie überlegte z. B., ob man Ontarios Schneemassen in der Zukunft evtl. bewältigen könnte, indem die Bewohner unter Kuppeln leben.

    Fazit
    Die Ich-Erzählerin Del gehört zur Generation der Autorin, ihre Lebensumstände ähneln stark der der jugendlichen Alice Munro in den 40ern. Mit der Veröffentlichung der biografischen Erzählungen Munros (engl. 2006) Wozu wollen Sie das wissen? Elf Geschichten aus meiner Familie (2008) hat sich mein Blick auf diesen Roman komplett verändert. Während ich zuvor Munros zeitlos-scharfsichtige Darstellung der kanadischen Provinz bewunderte, entdecke ich beim zweiten Lesen, wie stark Munros eigene Biografie diesen Roman prägte. Auch Munros Vater hat sich als Fuchszüchter durchgeschlagen, bis in der Folge des Zweiten Weltkriegs der amerikanische Markt für Pelze einbrach. Munros Schauplatz ist auch in ihrem einzigen Roman die kanadische Provinz, ihr Thema das Schicksal von Frauen und heranwachsenden Mädchen auf der Suche nach eigenen Wegen. Wie Munros Kurzgeschichtensammlungen beeindruckt auch ihr 1971 erschienener Roman durch seine Zeitlosigkeit und den scharfsinnigen Blick der Autorin für ihre Figuren.

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    Zitat
    "Am Nachmittag saßen sie auf der Veranda, nachdem sie ihre morgendliche Dauerleistung im Bodenschrubben, Gurkenhacken, Einmachen, Pökeln, Waschen, Stärken, Wäschesprengen, Bügeln, Waschen, Backen hinter sich hatten. Sie saßen dort nicht müßig; sie hatten den Schoß voller Arbeit - Kirschen, die entsteint, Erbsen, die enthülst, Äpfel, die entkernt werden mussten. Ihre Hände, ihre alten, dunklen Schälmesser mit den Holzgriffen bewegten sich mit wunderbarer, fast rachsüchtiger Schnelligkeit. Zwei oder drei Wagen kamen in der Stunde vorbei, verlangsamten gewöhnlich die Fahrt, und die Stadtleute, mit denen sie besetz waren, winkten. Tante Elspeth und Tante Grace riefen dann die Formel ländlicher Gastfreundschaft: "Kommt doch eine Weile herein, weg von dieser heißen, staubigen Straße!", und die Leute im Wagen riefen zurück: "Täten wir, wenn wir Zeit hätten! Aber sagt, wann kommt ihr denn mal bei uns vorbei?" " (S. 39/40)

  • Rezension - Tom Rob Smith: Ohne jeden Zweifel

    Tom Rob Smith: Ohne jeden Zweifel
    Manhattan 2013. 384 Seiten
    ISBN-13: 978-3442546787. 19,99€
    Originaltitel: The Farm
    Übersetzerin: Eva Kemper

    Smith

    Verlagstext
    Für Daniel ist die Nachricht ein Schock: Seine Mutter, die seit einigen Monaten mit ihrem Mann in Schweden lebt, wurde in die Psychiatrie eingeliefert. Tilde leide unter Verfolgungsangst und Wahnvorstellungen, behauptet Daniels Vater. Doch Tilde selbst, die aus Schweden zu ihrem Sohn nach London flieht, erzählt eine ganz andere Geschichte. Eine von vertuschten Verbrechen in einer eingeschworenen kleinen Gemeinschaft und dem Verschwinden einer jungen Frau in jener abgelegenen Gegend Schwedens. Doch niemand will ihr glauben. Nun ist Daniel ihre letzte Hoffnung. Tilde schildert ihm die Ereignisse der vergangenen Monate, immer in der Angst, dass auch er an ihrem Verstand zweifeln könnte …

    Der Autor
    Tom Rob Smith wurde 1979 als Sohn einer schwedischen Mutter und eines englischen Vaters in London geboren, wo er auch heute noch lebt. Er studierte in Cambridge und Italien und arbeitete anschließend als Drehbuchautor. Mit seinem Debüt »Kind 44« gelang Tom Rob Smith auf Anhieb ein internationaler Bestseller. Der in der Stalin-Ära angesiedelte Thriller basierte auf dem wahren Fall des Serienkillers Andrej Chikatilo und wurde u. a. mit dem »Steel Dagger« ausgezeichnet, für den »Man Booker Prize« nominiert und bisher in 30 Sprachen übersetzt. Nach »Kind 44« und »Kolyma« schloss der Autor seine Trilogie um den Geheimdienstoffizier Leo Demidow mit dem Roman „Agent 6“ ab.

    Inhalt
    Der Engländer Daniel wird von der Nachricht überrascht, dass seine Mutter Tilde vom Vater in die Psychatrie eingewiesen wurde. Daniels Eltern hatten ihre Gärtnerei in London aufgegeben und sich als Alterssitz in Tildes Heimat Schweden einen Hof gekauft. Daniel leidet seinen Eltern gegenüber unter einem extrem schlechten Gewissen. Er hätte längst nach Schweden zu Besuch fahren und endlich offen mit den Eltern über seine Homosexualität sprechen sollen. Tilde gelingt die Flucht aus der Psychiatrie zu Daniel nach London. Wie eine Getriebene berichtet sie ihrem Sohn von einer Verschwörung gegen sie und ihren Mann an ihrem neuen Wohnort und von einem verschwunden Mädchen.Tildes mitgebrachte Aufzeichnungen und Beweismittel dokumentieren ihre Angst, für verrückt erklärt zu werden. Daniels Mutter kämpft gegen die Zeit und darum, dass Daniel ihr glaubt und die Entscheidung seines Vater für falsch hält. Tildes sonderbare Erzählungen könnten auf eine durch traumatische Kinheitserlebnisse hervogerufene Psychose deuten, ebenso ihre Furcht vor der Psychiatrie. Daniel befindet sich in einer bedrückenden Situation, weil er bisher völlig ahnungslos über die Lebensumstände seiner Eltern in Schweden war. Solange er sich nicht an Ort und Stelle über die Geschehnisse informieren und direkt mit dem Vater sprechen kann, muss Daniel seiner Mutter glauben. Sie will offenbar genau diese Begegnung verhindern und lässt ihren Sohn keine Minute aus den Augen. Über Daniels Meinung zu den Ereignissen erfährt man zunächst wenig und kann als Leser nur schwer einschätzen, ob er seiner Mutter glaubt oder sie - wie sein Vater - für psychisch krank hält. Das ganze Buch hindurch habe ich mich gefragt, wer hier manipuliert und wer manipuliert wird. Mit den zunehmenden Widersprüchen in Tildes Aussagen (ob Daniel sie wahrnimmt, bleibt lange offen) legt Tom Rob Smith geschickt Fährten aus, die den Leser der Auflösung seines Psychothrillers entgegenfiebern lassen.

    Fazit
    In die für Daniel belastende Situation konnte ich mich trotz der sparsamen Darstellung dieser Figur gut hineinversetzen. Obwohl ich kein Liebhaber sehr kurzer Kapitel mit großzügigem Leerraum dazwischen und schwer leserlicher Kursivschrift bin, fand ich Tom Rob Smiths Charakterisierung einer psychisch belasteten Figur äußerst spannend und ausgezeichnet recherchiert.

  • Rezension - Stefanie de Velasco: Tigermilch

    Stefanie de Velasco: Tigermilch
    Kiepenheuer&Witsch
    ISBN-13: 978-3462045734. 16,99€

    Velasco

    Verlagstext
    Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren 14 Jahren eigentlich erwachsen, finden sie. Deswegen kaufen sie sich Ringelstrümpfe, die sie bis zu den Oberschenkeln hochziehen, wenn sie ganz cool und pomade auf die Kurfürsten gehen, um für das Projekt Entjungferung zu üben. Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft auf der Schultoilette. Sie nennen das Tiger-milch und streifen durch den Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte. Die beiden Freundinnen lassen sich durch die Hitze treiben, sie treffen nicht Tom Sawyer oder Huck Finn, aber hängen mit Nico ab. Nico, der in der ganzen Stadt »Sad« an die Wände malt und Nini ein Gefühl von Zuhause gibt. Sie machen Bahnpartys, rauchen Ott in Telefonzellen und gehen mit Amir ins Schwimmbad. Amir, den sie beschützen wie einen kleinen Bruder. Und dessen großer Bruder Tarik im Dauerstreit mit seiner Schwester liegt, weil diese sich in einen Serben verliebt hat. Nini und Jameelah erschaffen sich eine Welt mit eigenen Gesetzen, sie überziehen den Staub der Straße mit Glamour, die Innigkeit ihrer Freundschaft ist Familienersatz. Sie halten sich für unverwundbar, solange sie zusammen sind. Doch dann werden sie ungewollt Zeuge, wie der Konflikt in Amirs Familie eskaliert. Und alles droht zu zerbrechen. Mit einem hinreißend eigenen Sound, leichtfüßig und schonungslos, wuchtig und zart erzählt Stefanie de Velasco von zwei Mädchen, die das Leben mit beiden Händen ergreifen und lernen müssen, das eigene Dasein auszuhalten. Ein kraftvolles Debüt über Verlust und Sehnsucht. Unmittelbar, entlarvend und herzzerreißend.

    Die Autorin
    Stefanie de Velasco, geboren 1978 in Oberhausen, studierte Europäische Ethnologie und Politikwissenschaft in Bonn, Berlin und Warschau. 2011 erhielt sie für den Anfang ihres Debütromans den Literaturpreis Prenzlauer Berg, 2012 war sie Stipendiatin der Schreib­werkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung. 2013 erhielt sie das Schreibstipendium des Künstlerdorfes Schöppingen. Derzeit ist sie Stipendiatin der Dreh­buchwerkstatt München. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

    Inhalt
    Nini und Jameelah sind Freundinnen seit der Grundschule. Als wäre Pubertät für 14-jährige Mädchen allein nicht schon grausam genug, - "Alles wird immer anders, obwohl man gar nicht will," - droht Jameelah und ihrer Mutter in diesem Sommer die Abschiebung aus Deutschland in den Irak. Die Gefahr misst Jameelah an der Farbe der Behördenbriefe im Briefkasten. Dass es für Jameelah um Alles oder Nichts geht, würde die Icherzählerin Nini am liebsten komplett verdrängen - und ihr Kneifen könnte die Freundinnen zum ersten Mal in ihrem Leben trennen. Doch vor einem möglichen Ende ihrer Freundschaft liegt für die beiden Mädchen ein letzter gemeinsamer Sommer. Nicht allein mit Klauen, Kiffen und Saufen testen sie die Grenzen ihrer Teenager-Welt aus. Sie reißen auf dem Straßenstrich Männer auf, denen sie eine Wohnung mit Stuckdecke zutrauen, um mit denen gegen Bezahlung schon einmal für das richtige Leben zu üben. Nahtlos gelingt ihnen anschließend der Übergang in eine Kinderwelt, in der sie sich, auf einem Verteilerkasten mit ringelstrümpfigen Beinen baumelnd, schwerwiegende Gedanken über sich und die Welt machen. In dieser Welt verlaufen unsichtbare Linien zwischen deutschen, bosnischen, russischen und arabischen Jugendlichen. Linien, von denen einige aus dem Jugoslawienkrieg stammen und die es einem Jungen unmöglich machen, die Beziehung seiner Schwester oder Cousine mit einem Partner "der anderen Seite" zu tolerieren. Jameehlas Mutter erträgt nur schwer, dass sie vor Gewalt nach Deutschland geflüchtet ist und sich auch hier Menschen gegenseitig umbringen. "Du bist so deutsch!", schleudert Jameelah ihrer Freundin entgegen, als die die Naive mimt, die nicht wahrhaben will, dass Jameelahs Vater in einem Unrechtsstaat kein Straftäter sein musste, um getötet zu werden. Am Ende dieses Sommers wird eine kleine Schwester zur Frau geworden und für die Freundinnen das Spielhaus, in dem sie sich zu nächtlichen Abenteuern verabredeten, endgültig zu klein geworden sein.

    Fazit
    Die melancholische Stimmung des letzten Sommers einer Kindheit, widersprüchliche Gefühle ihrer pubertierenden Figuren zwischen großer Klappe und Angst vor dem ersten Sex trifft Stefanie de Velasco authentisch und auf den Punkt genau. Tigermilch ist der grandiose Pubertätsroman zweier Großstadtgören. Vergleiche von Büchern mit "Tschick" verbieten sich meiner Ansicht nach von selbst. Wie von der Autorin auf dem Vorsatzblatt angekündigt, ein Roman für Mädels - und für die, die noch immer wehmütig ihren Gefühlen für Tschick und seinen Kumpel nachtrauern.

  • Rezension - Ursula Dubosarsky: Der kürzeste Tag des Jahres

    Ursula Dubosarsky: Der kürzeste Tag des Jahres
    Ueberreuter 2013. 154 Seiten
    ISBN-13: 978-3764170066. 12,95€
    Vom Verlag empfohlen ab 14
    Originaltitel: The first book of Samuel (1995)
    Übersetzer: Andreas Steinhöfel

    Dubosarsky

    Verlagstext
    [ ... entfällt wegen Spoiler ... ]

    Die Autorin
    Ursula Dubosarsky, Jahrgang 1961, gilt als eine der talentiertesten und originellsten Schriftstellerinnen Australiens. Sie ist die Autorin von zahlreichen Büchern für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die vielfach ausgezeichnet worden sind. Ursula Dubosarsky hat Englische Literatur studiert und lebt mit ihrer Familie in Sydney.

    Inhalt
    Vorn im Buch zeigt der Stammbaum eine auf den ersten Blick übersichtliche Patchwork- Familie, in der es fünf Töchter und den Nachkömmling Samuel gibt. Doch im Leben von Samuel und seinen Schwestern ist nichts übersichtlich. Vater Elkanath hat mit seiner ersten Frau fünf Töchter, von denen die vier älteren Mädchen bei der Mutter in Melbourne leben. Das Nesthäkchen Theodora kam als Baby aufgrund der Wochenbettdepression der Mutter zu Elkanaths zweiter Familie (seine Ehe mit Hannah) nach Sydney und lebt dort noch immer. Obwohl sie kaum verschiedener sein könnten, fühlen Theodora und ihr ein Jahr jüngerer Bruder Samuel sich verbunden wie Zwillinge. Theodora geht völlig in der Sprache und ihren Tagebucheintragungen auf; Worte und Ideen sprudeln geradezu aus ihr heraus und ihre Notizbücher voller Beobachtungen füllen bereits einen Schrank. Samuel bewundert seine schlaue Schwester grenzenlos. Wie stellt sie es nur an, so viel zu wissen, obwohl sie keine anderen Informationen aufsaugt als ihr Bruder? Auch sein Großvater Elias steht Samuel sehr nahe. Verbunden sind beide u. a. durch ihren gemeinsamen Geburtstag am 21.6., den längsten Tag des Jahres. Aus Elias Familie gibt es keine Fotos, keine Erinnerungsstücke, alle Familienangehörigen wurden in Deutschland ermordet. An diesem Punkt der Geschichte wird deutlich, dass es in Samuels Familie Themen gibt, die gegenwärtig sind, obwohl nicht über sie gesprochen wird. Diese Entdeckung wirkt beinahe wie eine Warnung, die Leser sollten doch genauestens auf feine Untertöne achten; denn die Geschichte ermordeter Vorfahren ist eine ganz andere als die verstorbener Angehöriger. Die Zufalls-Bekanntschaft Hannahs mit einem Einwanderer aus Hongkong setzt in ihrer Familie eine Lawine dramatischer Ereignisse in Gang, ausgelöst durch weiße Flecken in der Familiengeschichte und Halb-Informationen, die entstehen, wenn ein Gesprächpartner dem anderen nicht ganz konzentriert zuhört. Dinge geschehen hier unbemerkt, obwohl jeder sie hätte wahrnehmen können - wenn derjenige sich seiner Sache etwas weniger sicher gewesen wäre.

    Fazit
    In einem äußerst spannenden Plot folgt man Dubosarskys durch Schweigen trickreich angezogenem Spannungsbogen und erkennt gemeinsam mit Samuel, wie ernst die Folgen sein können, wenn mehrere Familienmitglieder Informationen für Tatsachen halten, die sie nur mit halbem Ohr aufgenommen haben. Ursula Dubosarsky hat mich mit diesem Buch über eine leicht chaotische Patchwork-Familie berührt und überrascht, weil sie das Schicksal des Großvaters Elias zunächst feinfühlig zurückhält und ihre Leser gemeinsam mit der Hauptfigur die Hintergründe im eigenen Tempo entdecken lässt. In einem Jugendbuch, das unterhalten möchte, aber nicht zwangsläufig belehren sollte, finde ich dieses Vorgehen sehr passend. (Warum der Verlag, anders als im Klappentext, im Kurztest verrät, was Samuel selbst erst nach aufregenden Verwicklungen herausfindet, kann ich nicht nachvollziehen.) Eine mir bisher unbekannte Autorin - und sicher ein Lese-Highlight dieses Jahres.

  • Rezension - Uwe Timm: Vogelweide

    Uwe Timm: Vogelweide
    Kiepenheuer&Witsch 2013. 336 Seiten
    ISBN-13: 978-3462045710. 19,99€

    Timm

    Inhalt
    Eschenbach ist kurzfristig als Vogelwart auf der Vogelschutzinsel Scharhörn eingesprungen. Andere Männer in seiner Lebenssituation wandern auf dem Jakobsweg oder absolvieren kostspielige Coachings. Eschenbach hat keine Wahl; denn er braucht das Geld. Seine Software-Firma, die erfolgreich Programme zur Optimierung von Betriebsabläufen entwickelte, ist bankrott. Der Planer, der schwungvoll Arbeitsplätze vernichtete, hat seinen gesamten Besitz in der Konkursmasse verloren. Als Vogelwart absolviert er den Sommer über seine tägliche Routine, sammelt und katalogisert den am Strand angespülten Müll, trägt Vogelbeobachtungen ein und führt einen mönchischen Ein-Personen-Container-Haushalt. "Sie" hat sich angekündigt, Anna, mit der Eschenbach in Berlin eine kurze und heftige Beziehung hatte. Übergangslose Rückblenden klären erst nach einer geraumen Zeitspanne, wer Eschenbach ist und welche Beziehung zwischen ihm und Anna besteht. Schicht für Schicht legt Uwe Timm frei, wer aus dem Kreis zweier befreundeter Paare wessen Ex und wessen Ehepartner war.

    Eschenbach hat aus Protest gegen seine gutbürgerlichen altlinken Eltern ein Theologie-Studium abgeschlossen, dann aber in Berlin mit einem Teilhaber eine IT-Firma gegründet. Nun hält der Anfang Fünfzigjährige sich an der Routine seiner Aufgabe fest und erkennt beim Schwimmen im Meer seine Sterblichkeit. Jederzeit könnte ihn von einer Minute zur anderen ein Herzinfarkt treffen und ertrinken lassen. Leute wie Eschenbach trafen sich in Galerien - "Knete trifft Ästhetik" - und warfen dort routiniert mit Markennamen, ihrem Burnout und intellektuellen Spitzfindigkeiten um sich. Mit der Silberschmiedin Selma trifft Eschenbach endlich eine Person, unter deren Beruf andere sich etwas vorstellen können. Aus Gründen, die mir verschlossen blieben, begehrt Eschenbach Anna, die Frau seines Freundes Ewald. Die beiden Männer verbindet die Liebe zum Schrauben und Pusseln an Boot oder Oldtimer, die beiden Frauen die Kunst. Uwe Timms feine, ironisch unterlegten Abstufungen in Eschenbachs Leben zwischen Begehren (nicht Liebe), Lust und Abneigung habe ich mit großen Vergnügen gelesen. Mit der Vogelinsel Scharhörn präsentiert Uwe Timm wie auch in vorhergehenden Romanen einen ihm als Hamburger vertrauten Schauplatz. Präparierte Tiere tauchen als biografischer Bezug zu Timms Familiengeschichte auf. Bissig dokumentiert der Autor in seiner vertrauten Rolle des Chronisten am Beispiel eines als Unternehmer erfolgreichen Theologen Ereignisse der jüngsten europäischen Vergangenheit.

    Fazit
    "Vogelweide" habe ich in einem Zug gelesen, doch Timms Figuren blieben für mich in den ersten beiden Dritteln des Buches leider farblos. Das Lebensgefühl eines Fünfzigjährigen, der sein privates und berufliches Leben in den Sand gesetzt hat, konnte der Roman mir nicht vermitteln; Eschenbachs Begehren nach Anna erst zum Ende des Romans. Mit ein paar kauzigen Nebenfiguren zeigt sich abschließend dann doch Uwe Timms berühmtes Erzähltalent voller listiger Einschübe. "Vogelweide" hat mich besonders zum Ende erheitert, wirkte jedoch zu gewollt intellektuell, um es begeistert weiterzuempfehlen.

  • Rezension - Annett Gröschner: Hier beginnt die Zukunft, hier steigen wir aus. Unterwegs in der Berliner Verkehrsgesellschaft

    Annett Gröschner: Hier beginnt die Zukunft, hier steigen wir aus. Unterwegs in der Berliner Verkehrsgesellschaft.
    Berlin Verlag 2002. 216 Seiten
    ISBN-13: 978-3827004208

    Gröscher

    Verlagstext
    In Berlin sind sie zwar nicht knallrot, aber der Ausblick vom oberen Fahrgastdeck ist genauso schön wie bei ihren berühmten Londoner Verwandten: die Doppelstockbusse der Berliner Verkehrsgesellschaft. Annett Gröschner nutzt diese Perspektive, um die Befindlichkeiten der Bundeshauptstadt zu kartografieren - jenseits von neuer Mitte und Regierungsviertel. Zwei Jahre lang ist die Autorin, Journalistin und Dokumentarin in Berlin "professionell" Bus und Bahn gefahren. Mit großem sozialem Gespür beschreibt sie das Leben, das rechts und links der Fahrbahn liegt. Berlins eigenartige Mischung aus Metropole und Provinz, Welt- und Kleinbürgertum lässt diese Fahrten zu einer Reise durch die Republik werden. Nirgendwo zeigt sich so deutlich wie in den Berliner Bezirken, wie weit der Annäherungsprozess gediehen ist, in dem Ost- und Westdeutsche sich seit 1989 befinden. Sehr präzise macht Gröschner die nunmehr unsichtbaren Grenzen der ehemals geteilten Stadt sichtbar. Quer durch materielle, ideologische und kulturelle Milieus gehen ihre Zustandsbeschreibungen deutscher Befindlichkeiten und gewinnen Brisanz aus ihrer Alltäglichkeit. Gröschners Großstadtessays bestechen durch ihre literarische Qualität. Sorgfältig beobachtet, genau recherchiert und ausgesprochen kurzweilig, eröffnen sie mit subtiler Ironie neue Perspektiven auf Altbekanntes.

    Die Autorin
    Annett Gröschner wurde 1964 in Magdeburg geboren und lebt seit 1983 in Berlin. Sie arbeitet als freie Autorin und Schrfitstellerin und wurde als Chronistin des Ostberliner Lebens bekannt. Nach Gedichtbänden, Reportagen und Hörspielen veröffentlichte sie 2000 mit großem Erfolg den Nachwenderoman Moskauer Eis.

    Inhalt
    Meine Aufgabe lautete Blindkauf oder Blindgriff in das Regal ungelesener Bücher: Drittes Regal von links, zweites Regalbrett von oben, 17. Buch von links. Dort stand ein mit Schwarzweiss-Fotos illustriertes Buch mit Reportagen über Fahrten mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Als Touristin durchquere ich gern fremde Städte bis zur Endstation einer Buslinie, um aus dem Fenster die weniger glamourösen Gegenden und Industriebrachen kennenzulernen. Deshalb muss dieses Buch in unseren Haushalt gelangt sein. Auch Annett Gröschner lernt auf ihren Fahrten durch Berlin Ecken kennen, die eine Stadt ihren Gästen nicht zeigt: Kanäle, Häfen, Großmärkte, Gefängnisse und die in Jahrzehnten angesammelten Geschmacksverirrungen des Wohnungsbaus. Als zugezogene Ostberlinerin erkundet Annett Gröschner u.a. Gegenden, die, getrennt durch die Berliner Mauer, vor der Wiedervereinigung jeweils nur Ost- oder Westberlinern zugänglich waren. Das Rätseln über Straßenbahnschienen, die unter der Mauer zu verschwinden schienen, gehörten in Gröschners Kindheit zu ihren nachhaltigsten Eindrücken von öffentlichen Verkehrsmitteln. Die beiden bisher möglichen Varianten "in die Stadt fahren" (= ins Zentrum des eigenen Stadtviertels) und "nach Berlin fahren" (= in die Gegend, die man seinen auswärtigen Besuchern zeigt) sind in Gesamt-Berlin nun durch die Möglichkeit erweitert, "in den Osten" oder "in den Westen" zu fahren. Als Provinzler kann man direkt neidisch werden, wenn die Autorin als Großstadtpflanze über eine Buslinie lästert, die "nur" alle 20 Minuten fährt.

    Ein großer Teil von Gröschners sehr ironischen Essays über die unsichtbaren Grenzen zwischen dem wiedervereinten Ost- und Westberlin bezieht sich auf Beobachtungen in den Berliner Doppelstockbussen. Die Autorin schaut dabei der Spezies Berliner Busfahrer aufs Maul, beobachtet Schulkinder, Nachtschwärmer und fremdelnde, frisch aus Bonn importierte Politiker. Eine Nachtbuslinie, der Flughafenbus, die Schmalspur-Überlandbahn nach Schöneiche und die ehemalige Fähre Rahnsdorf/Mügggelheim ergänzen das Bild der Busse und Bahnen.

    Fazit
    Der mit einem extremen Weitwinkelobjektiv aus Bus und Bahn nach draußen gerichtete Blick des Fotografen Arwed Messmer lässt Gröschners bissige Texte sogar 10 Jahre nach Veröffentlichung ihres Buches noch sehr authentisch wirken, auch wenn ihr Buch inzwischen eher Sammelobjekt für Liebhaber öffentlicher Verkehrsmittel geworden sein wird.

  • Rezension - Jan von Holleben, Michael Madeja und Katja Neie: Denkste?! Verblüffende Fragen und Antworten rund ums Gehirn

    Jan von Holleben, Michael Madeja und Katja Neie: Denkste?! Verblüffende Fragen und Antworten rund ums Gehirn
    Gabriel Verlag 2013. 184 Seiten
    ISBN-13: 978-3522303477. 16,95€
    Vom Verlag empfohlen ab 8 Jahre

    Holleben

    Verlagstext
    Wir benutzen es jeden Tag und verlassen uns darauf, dass es funktioniert: unser Gehirn. Aber warum sprudeln die Ideen manchmal nur so aus unserem Kopf und dann fällt uns wieder gar nichts ein? Warum merken wir uns bestimmte Sachen sofort und anderes müssen wir immer wieder nachschauen? Wie steuert das Gehirn unseren Körper und wo steckt die Seele? Diese Dinge interessieren Kinder brennend, aber auch, wie groß zum Beispiel das Gehirn eines Marienkäfers ist oder warum Elefanten ein so gutes Gedächtnis haben. Die Neurowissenschaftler Michael Madeja und Katja Naie haben deshalb spannende Kinderfragen von einem Dutzend Schulklassen sammeln lassen und die interessantesten ausgesucht. Anhand dieser Fragen erklären sie und unterhaltsam das Wunderwerk in unserem Kopf. Mit zwölf Mädchen und Jungen hat Jan von Holleben im Rahmen eines Workshops fantasievoll inszenierte Bilder entworfen, die zeigen, wie kreuz und quer, logisch und emotional wir denken, fühlen und erinnern.

    Die Autoren
    Jan von Holleben, geboren 1977 in Köln, studierte zunächst Sonderpädagogik in Freiburg und später Theorie und Geschichte der Fotografie am Surrey Institute of Art and Design in Farnham in Großbritannien. Nach sieben spannenden Jahren in London als Art Director, Bildredakteur und Gründer verschiedener Kunst- und Fotoorganisationen lebt er heute in Berlin und arbeitet unter anderem für Geo, Geolino, Die Zeit, Zeit Leo, Spiegel, Dein Spiegel, Neon, Eltern, Chrismon und SZ Magazin.

    Katja Naie wurde 1974 in Dinslaken geboren. Sie hat Biologie studiert, in Neurowissenschaften promoviert und ist heute Mitarbeiterin der gemeinnützigen Hertie-Stiftung und Mutter eines 5-jährigen Sohns. Als Mit-Initiatorin und Leiterin des Informationsportals www.dasGehirn.info kann sie ihre Begeisterung für das Gehirn und seine Bedeutung für unser Fühlen, Denken und Handeln mit einer breiten Leserschaft teilen.

    Michael Madeja
    Prof. Dr. Michael Madeja wurde 1962 in Detmold geboren und studierte Humanmedizin an der Uni Münster. Er ist Hirnforscher, Arzt, Geschäftsführer der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der größten privaten Förderorganisation der Hirnforschung in Deutschland, und Professor am Fachbereich Medizin der Goethe Universität Frankfurt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter zwischen 5 und 9 Jahren.

    Inhalt
    Was haben Fruchtgummis, Wäscheklammern, Räder und allerlei uns aus Kinderzimmern vertraute Kleinteile mit dem menschlichen Gehirn zu tun? Zunächst sind es Gegenstände, die der Fotograf Jan von Holleben mit Kindern als Fotomodellen zu symbolträchtigen Fotografien arrangiert. Die Überlegung, warum Holleben ein Gehirn als Ansammlung von Popcorn abbildet, führt die Betrachter dieses ungewöhnlichen Kinderbuchs zu der Frage, wie unser Gehirn aussieht, wie es Sinnesreize verarbeitet und über welch unterschiedliche Gehirne junge und alte Menschen verfügen. Hollebens schräge Illustrationen nähern sich dem Thema von außen nach innen. Sie vermitteln auf den ersten Blick kein abfragbares Wissen, wirken langfristig jedoch als verblüffend dauerhafte Eselsbrücke. So wird das Größenverhältnis der Gehirne von Mensch, Pottwal und Elefant durch Zuckerstücke symbolisiert. Selbst ein nicht besonders lernwilliges Gehirn nimmt das eindrucksvolle Bild auf - und am Ende des Buches erinnert man sich an 1,5, 5 und 8 Zuckerstücke, das Gewicht der Gehirne von Mensch, Elefant und Pottwal. Insgesamt vermitteln Autoren und Fotograf sehr anschaulich, wie wir uns unser Gehirn vorzustellen haben.

    Grundlage für "Denkste?!" waren authentische Kinderfragen. Interessiert waren die jugendlichen Fragesteller an Abläufen im Gehirn z.B. beim Fensehen, Computerspielen oder Lesen, an der Verarbeitung von Bildern, Sinnesreizen und Lernstoff - besonders auch an Emotionen, die mit diesen Prozessen zusammenhängen. Während die Fotografien die Verschiedenartigkeit der Menschen symbolisieren, geht es in den halbseitigen Textbeiträgen um das Verständnis dieser Verschiedenheit, z. B. zwischen alten und jungen Gehirnen. Im Ton wendet sich der Text teils an noch sehr junge Schüler, wie mit der Aufforderung, pro Tag nicht mehr als eine Stunde vor elektronischen Medien zu verbringen. Beide Textautoren sind Eltern von Kindern im Schul- und Vorschulalter. Ein Anhang gibt Einblick in die Entstehung der Fotos.

    Fazit
    Mit seiner ungewöhnlichen und witzigen Bildsprache spricht "Denkste?!" Kinder und erwachsene Betrachter auf unterschiedlichen Ebenen an und vermittelt Wissen auf indirektem Weg. Für noch ungeübte Leser könnten die Textpassagen lesefreundlicher gestaltet sein.

  • Rezension - Sarah N. Harvey: Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren

    Sarah N. Harvey: Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren
    Deutscher Taschenbuch Verlag 2013. 240 Seiten
    ISBN-13: 978-3423650014. 13,95€
    Originaltitel: Death Benefits (2010)
    Übersetzer: Ulli und Herbert Günther
    Vom Verlag empfohlen: ab 14 Jahre

    Harvey

    Verlagstext
    Für Royce ist es ein turbulentes Jahr. Erst zieht er mit seiner Mutter quer durch Kanada, damit diese in der Nähe ihres uralten Vaters Arthur sein kann, und dann soll Royce sich auch noch selber um den Greis kümmern. Gegen Cash, versteht sich. Arthur ist ein ausgemachtes Biest, ein grantiger alter Kauz, der schon mehrere Pflegekräfte vergrault hat und auch seinen Enkel auf eine harte Probe stellt. Doch der lässt sich nicht alles gefallen und hat schon bald einen Stein im Brett von Arthur.

    Die Autorin
    Sarah N. Harvey ist Verlagslektorin und Autorin mehrerer Jugendbücher. Sie lebt in Victoria, British Columbia. Ihre Erfahrungen aus der Zeit, als sie sich um ihren alten Vater kümmerte, inspirierten sie zu ihrem Buch "Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren".

    Inhalt
    Der 17-jährige Royce muss in Victoria/Kanada noch einmal von vorn anfangen. Weil sein betagter Großvater nicht mehr allein leben kann, sind Royce und seine Mutter von der Ostküste nach Victoria gezogen. Seinen Kumpels aus Lunenburg trauert der Junge noch immer nach, neue Freunde hat er noch nicht kennengelernt. Großvater Arthur konnte man schon immer schwer etwas rechtmachen. In kürzester Zeit hat er es sich mit seiner Tochter verdorben und die privaten Pflegerinnen vergrault, die sich um ihn kümmern sollten. Durch seine beginnende Demenz realisiert Arthur offenbar nicht, dass er jetzt hilfsbedürftig ist, nicht mehr der Herzensbrecher von einst. Royces Mutter hat die Nase voll von der Streitsucht ihres Vaters. Ihre rettende Idee: Anstelle einer fremden Hilfskraft könnte der alte Streithansel doch Royce dafür bezahlen, sich während der Ferien um ihn zu kümmern. Im Vergleich zu anderen Ferienjobs muss das leicht verdientes Geld sein - glaubt Royce, der von einer Fahrt zurück nach Lunenberg im eigenen Auto träumt.

    Arthur meckert wie gewohnt, Royce macht seiner Ansicht nach alles falsch. Doch Royce gewinnt allmählich Interesse am Leben seines Großvater, der einst ein gefeierter Cellist war. Nachdem Arthur einmal ins Erzählen gekommen ist, erfährt Royce Geschichten aus seiner Familie, von denen selbst seine Mutter noch nicht gehört hat. Als Clou erweist sich Arthurs Thunderbird von 1956. Das Auto ist verkehrstüchtig und tadellos gepflegt. Für seinen Oldtimer schleppt Arthur sich nämlich ganz ohne Rollator regelmäßig in die Garage. Royce darf erst in Begleitung eines Erwachsenen Auto fahren. Arthur fällt für diese Rolle leider aus; denn nach seinem letztem Unfall hat seine Tochter seinen Führerschein kassiert. Dennoch wird der Thunderbird zum besonderen Band zwischen Großvater und Enkel. Die Idee mit dem Thunderbird zurück nach Lunenburg abzuhauen, lässt Royce nicht mehr los.

    Fazit
    Sarah Harvey bringt in ihren Jugendroman eigene Erfahrungen mit ihrem betagten Vater ein. Ohne Arthurs Hinfälligkeit zu realistisch zu vertiefen, folgt sie mit viel Humor der Annäherung zwischen Großvater und Enkel. Arthur findet seinen Meister in Royce, dem ich anfangs kaum zutrauen wollte, dass er den knurrigen Alten kräftig zusammenstauchen würde. Während Arthurs Kräfte schwinden, gelingt es Royce, Erinnerungen an die Musikerkarriere seines Großvaters zu entstauben und so eine Versöhnung in seiner Familie in Gang zu setzen.

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